Die Kenntnis von der Entwicklung des American Football-Spiels und
seiner Regeln wird gerade uns Europäern helfen, diesen amerikanischen Nationalsport
verstehen zu lernen. Zudem werden an der Entwicklung der Regeländerungen
in 130 Jahren auch historisch-gesellschaftliche Zusammenhänge deutlich.
Im englischen Fußballspiel wurde der Ball in erster Linie durch das
Kicken bewegt, bis 1823 William Webb Ellis aus der kleinen Stadt Rugby einen
vom Gegner getretenen Ball fing und mit ihm über die gegnerische Torlinie
lief. Dieser Regelverstoß führte schließlich zur Entwicklung
einer völlig neuen Sportart, die in Erinnerung an diesen Vorfall später
»Rugby« genannt wurde.
Die Vertreter des traditionellen Fußballspieles schlossen sich 1863 zur
»Football Association« zusammen, um der rasch wachsenden Popularität
des Rugby Einhalt zu gebieten. Aus der damals für den »Association
Football« gebräuchlichen Abkürzung »Assoc« wurde
später die amerikanische Bezeichnung »Soccer«
für das Fußballspiel.
Bereits im 17. Jahrhundert hatten englische Auswanderer ein rudimentäres Fußballspiel mit in die amerikanischen Kolonien gebracht, und im 18. Jahrhundert wurde der Sport bei den Studenten der Colleges an der Ostküste zunehmend beliebter. Mit dem großen Zustrom europäischer Siedler im 19. Jahrhundert wurden weitere Varianten des Ballspieles in die Neue Welt gebracht. Der Sport hatte inzwischen einen sozial hohen Status und war im wesentlichen den Studenten vorbehalten. Insbesondere an den Hochschulen im Norden Amerikas - Columbia, Harvard, Princeton und Rutgers - war das Spiel, das noch mehr dem Fußball als dem Rugby ähnelte, sehr beliebt. Allerdings gab es noch sehr wenige Regeln, die zudem stark variierten. Eine Mannschaft bestand aus 15 bis 25 Spielern, Punkte konnten durch das Schießen, Werfen oder Dribbeln des Balles über die gegnerische Torlinie erzielt werden.
So war es dann auch am 6. November 1869
in New Brunswick/New Jersey, als es mit dem Spiel zwischen den Collegeteams
von Rutgers gegen Princeton (6:4) nach den sogenannten Princeton-Regeln (25
Feldspieler pro Mannschaft) zum ersten offiziellen Footballvergleich in den
Vereinigten Staaten kam. Das Match gilt als Stunde Null der Mannschaftssportart
Football. Das neue Spiel nimmt gleichermaßen Anleihen bei Fußball
und Rugby.
Zu den frühen Verfechtern einer konsequenten Abwendung vom Soccer zählte
vor allem Harvards Uniauswahl, die nach einigen Spielen gegen die McGill University
aus Kanada auf den Geschmack gekommen war und ein stark am Rugby orientiertes
"Boston Game" bevorzugte.
Um den leidigen Regeldifferenzen und den vor jeder Partie notwendigen Einzelabsprachen
ein Ende zu machen, beschlossen Repräsentanten aus Harvard, Columbia, Yale
und Princeton auf der Massasoit Convention 1876 die Gründung einer gemeinsamen
Organisation, der Intercollegiate Football Association,
und die Verabschiedung eines einheitlichen Regelwerks.
Damit war das Fundament für die Ausprägung einer originär amerikanischen
Footballvariante geschaffen.
In ihren ersten Übereinkünften orientierten sich die Univertreter
aber bis auf einige Details noch recht strikt an den Bestimmung der Rugby Union.
Mit anderen Worten: Eine Footballpartie verlief weiterhin nach dem Schema, dass
die Teams sich um den eingeworfenen Ball - der jetzt ein Lederei war - balgten
und versuchten, ihn aus dem Spielerpulk nach hinten, in die eigenen Reihen zu
treten. Dort griff dann ein Mitspieler den Ball auf, rannte mit ihm los und
trat ihn, sobald er in Bedrängnis geriet, wieder weg, woraufhin die Balgerei
von neuem begann.
Mit dieser Rugbykopie war zumindest die Trennung vom Fußball bereits offensichtlich,
und in den nächsten Jahren sollte sich das Imitat zügig zu einer neuen
Sportart entwickeln.
Anders als Fußball und Rugby, zwei Sportarten, die in Englands Gentleman-Kultur
entstanden und mit einem Minimum an Regeln auskommen, wuchs beim American Football
das Regelwerk zu einem wahren Paragraphendschungel heran.
Amerikas Söhne aus besserem Haus besaßen nämlich einen etwas
eigenwilligen Sinn für Fairplay. Sie entdeckten mit dem Einfallsreichtum
energiegeladener Jugend ein Schlupfloch nach dem anderen in den Regeln.
Die Wächter des Spiels, aktive und ehemalige College-Trainer, hatten alle
Hände voll zu tun, die Lücken zu stopfen. Im Jahre 1880 wurde die
Spielerzahl von fünfzehn auf elf reduziert, das Feld entsprechend verkleinert
und der Ballbesitz festgelegt. Von nun an wurde jeder Spielabschnitt mit der
Scrimmage eingeleitet, das heißt,
ein Snapback (der heutige Center)
passte den Ball zurück zu einem Mitspieler, der eine völlig neu eingerichtete
Position in der Mannschaft einnahm. Er spielte Quarterback.
Doch die tiefgreifende Regeländerung brachte nicht die erhoffte Wirkung.
Statt abwechslungsreicher, wurde das Spiel langweiliger. Teams, denen ein torloses
Remis oder der gegenwärtige Spielstand genügten, hielten den Ball
notfalls eine gesamte Halbzeit lang, ohne ein Tor erzielen zu wollen.
Dies führte dazu, dass zwei Jahre später Downs
eingeführt wurden. Jetzt standen der Mannschaft drei Versuche zur Verfügung,
einen Raumgewinn von fünf Yards zu erzielen. War ihr dies nach dem Third
Down noch immer nicht gelungen, wechselte der Ballbesitz. Mit anderen Regelüberarbeitungen
wurden diese Vorgaben später auf das heute gültige Maß von zehn
Yards (1906) in vier Downs
(1912) geändert.
Die neue Sportart gewann weiter an Konturen, als 1883 das völlig undurchsichtige
Verfahren, nach einem Spiel die Zahl der Touchdowns, Field Goals und Safeties
beider Teams gegeneinander aufzurechnen, zugunsten eines klaren Punktesystems
abgeschafft wurde. Die Bewertungen sahen zu Anfang wie folgt aus: Safety: ein
Punkt; Touchdown: zwei Punkte; Tor im Anschluss an Touchdown: vier Punkte (!);
Field Goal: fünf Punkte (!). Erst nach mehreren Korrekturen wurde ein Touchdown
schließlich ab 1904 höher bewertet als ein Field Goal.
Mit diesen substantiellen Eingriffen in das Regelwerk war American Football
zwanzig Jahre nach den ersten Kopierversuchen endlich flügge geworden.
Rugby und Soccer blieben fortan dem britischen Empire vorbehalten.
Aber wie sah ein Footballspiel nach all den Neuerungen nun konkret aus?
Es muss auf jeden Fall eine ziemlich brutale Angelegenheit gewesen sein. So
brutal, dass sich der Präsident der Vereinigten Staaten, Theodore Roosevelt,
1905 veranlasst fühlte, mit einem Verbot
zu drohen.
Verantwortlich für die harte Gangart waren insbesondere erfolgreiche Massenspielzüge
wie die Flying Wedge.
Dabei rannte die angreifende Mannschaft auf die Line of Scrimmage zu, passte
dort den Ball zu ihrem designierten Träger, formte sofort einen Keil um
diesen herum und stürmte mit vollem Schwung weiter auf die Verteidigerlinie.
Die Verwendung von Helmen war noch unbekannt, schützende Pads wurden im
Kreis der kernigen Burschen allenfalls als dünne Verstärkung der Kleidung
toleriert. Wer überhaupt einen Kopfschutz zu tragen bereit war, setzte
sich eine Lederkappe auf oder vertraute auf die Vorsorgemaßnahme der Princeton
Spieler von 1889, die sich die Haare hatten lang wachsen lassen. Gegen elf im
Pulk heranfliegende Schwergewichte hätte der Verteidiger aber selbst mit
Helm kaum eine Chance gehabt. Und auch das Verbot der ursprünglichen Flying
Wedge 1894 nutzte wenig. Schnell fanden die Angriffsstrategen Wege, die effektiven
Massenformationen in leicht überarbeiteten Formen wieder einzuführen.
Dazu kam, dass Tackeln auch in Kniehöhe uneingeschränkt erlaubt blieb.
Entsprechend hart verliefen die Partien. Für sportinteressierte Zuschauer
mag die ständige Rammbocktaktik ja noch schlicht eintönig gewesen
sein, für die Aktiven war sie lebensgefährlich.
Achtzehn Sportler starben 1905 beim Footballspielen, 159 weitere zogen sich
schwere Verletzungen zu. Daraufhin wurden in zahllosen öffentlichen Protesten
die überfälligen Gegenmaßnahmen des Regelkomitees angemahnt.
Die letzte große Neuorientierung im Football begann.
1906 wurde beschlossen, neben dem Kicking und Rushing nun auch das Werfen des Balles zu gestatten. Durch die Legalisierung des Forward Pass sollte das Spiel geöffnet und eine erfolgversprechende Alternative zu den stumpfsinnigen und brutalen Massenvorstößen geschaffen werden. Darüber hinaus erhöhte das Komitee die Mindestzahl von Angreifern auf der Line of Scrimmage (ab 1904 auf sechs, ab 1910 auf die heute noch gültige Zahl von sieben Spielern) und verbesserte damit die Chancen der Abwehr, eine Massenformation bereits im Aufbau zu verhindern.
Doch das Zeitalter der sensationellen Pässe und spektakulären Catches ließ weiterhin auf sich warten. Zu halbherzig war die Reform geraten. Erst nachdem 1912 auch die letzte Restriktion (kein Pass über mehr zwanzig Yards, kein Pass zum Touchdown) aufgehoben und die Risikobereitschaft mit einem vierten Down und einer Aufwertung des Touchdowns auf sechs Punkte gesteigert worden war, konnte ein offenes Passspiel gegenüber dem konservativen Laufspiel endlich bestehen.
Eine überzeugende Demonstration von Notre Dame bei den hochfavorisierten
Army Kadetten in West Point verhalf dem Forward Pass dann 1913 zum Durchbruch.
Die Notre Dame Fighting Irish überraschten die körperlich stark überlegenen
Kadetten mit ihrer modernen Spielweise völlig und erzielten alleine über
ihr Passspiel 243 Yards und fünf Touchdowns. Am Ende hieß es 35:13
für Notre Dame, deren Footballauswahl mit diesem Sieg auf einen langjährigen
Erfolgskurs ging, dem die streng katholische Lehranstalt noch heute ihre exponierte
Stellung im College-Football verdankt.
Passen wurde nun zu einem unverzichtbaren Bestandteil jeder Offense. Die erfolgreichen Unimannschaften hatten es bewiesen. Und alle Regeländerungen und spieltaktischen Entwicklungen im populären College-Football waren zu dieser Zeit auch für die Profiklubs wegweisend, die sich zwar schon vielerorts gebildet hatten, deren Spiel aber noch nicht so populär war wie College-Football.
Entwicklung im College-Football
Nach dem ersten Weltkrieg erlebte der Sport einen großen Anstieg an Popularität.
Football, das waren die äußerst populären College-Spiele, bei
denen 60000 Zuschauer und mehr zusammenkamen.
Gleichzeitig stieg hinter den Kulissen der Universitäten, die sich auf
ihre akademischen Tugenden soviel zugute hielten, der Preis für die begehrten
Siege und Meisterschaften.
Die besten College-Trainer bekamen Gehälter, die weit über denen der Professoren lagen. High School Absolventen wurden mit teilweise unredlichen Methoden angeworben, bekamen erstmals Stipendien und brauchten sich um ihre Noten keine Gedanken mehr zu machen. Die traditionsbewussten Ivy-League-Universitäten Yale, Princeton und Harvard, an denen Football entstanden war, lehnten Geschäfte ab und vergeben auch heute Stipendien nur aufgrund besonderer schulischer Leistungen.
Andere Hochschulen, die für ihre Leistung weniger bekannt sind, nutzten die Situation. Das liegt daran, dass Universitäten wissen, dass es keine wirksamere Werbung gibt als eine erfolgreiche Footballmanschaft. Deshalb finden sie Wege, ihren Studenten das eine oder andere Zubrot zukommen zu lassen.
Spielern, die sich aus formalen Gründen immatrikuliert haben, hilft man beim Bestehen der Abschlussprüfungen. Immer wieder werden daher Spieler gesperrt und Universitäten vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Aber niemand glaubt, dass die Zahl derer, die erwischt werden, auch nur annähernd den wahren Verhältnissen entspricht. So kommt es, dass ausgerechnet dort wo es um Ruhm und Ehre geht, die doppelte Moral eingezogen ist, während die jahrzehntelang als kommerzielle Einrichtung verschriene National Football League (NFL) nichts zu verbergen hat.
Natürlich ist die NFL nicht schuldlos an dem Dilemma der Universitäten,
denn die Profi Klubs betreiben keine Nachwuchsarbeit, das überlassen sie
dem College-Sport. Die meisten College-Footballspieler haben nur ein Ziel: die
vier brotlosen Jahre gesund zu überstehen, um danach Profi zu werden.
Das System funktioniert, weil die Amerikaner den College-Sport nicht als schwachen
Abklatsch der großen, der sogenannten 'Big Leagues' oder 'Major Leagues'
empfinden, sondern ihm eine eigene Faszination abgewinnen. Diese schlägt
sich in üppigen Zahlen nieder.
Mittlerweile erwirtschaften die 100 Top-Colleges im Bereich Football zusammen
über eine Milliarde Dollar
im Jahr aus Fernsehrechten, Eintrittskartenverkauf und der Vergabe von Lizenzen
für Merchandising-Artikel. Und all das, obwohl es nach wie vor keine Playoffs
und Endspiele zur Ermittlung des Meisters gibt.
Bis auf den heutigen Tag wird der Champion durch eine Abstimmung von einer ausgesuchten Gruppe von Journalisten festgelegt. Von 1883 bis 1935 wurden die Titelträger der US- College Meisterschaft von der Helms Athletic Foundation ermittelt. Seit 1936 geschieht dies durch die Nachrichtenagentur Associated Press, die ein System erfunden hat, nach dem Sport-Journalisten Punkte vergeben. Die Mannschaft, die nach dem letzten Spieltag am meisten Stimmen auf sich vereinigt, bekommt den Ehrentitel zugesprochen. Seit 1982 vergibt zudem die Tageszeitung 'USA Today' einen Meisterpokal. Hier wählen College-Trainer aus den ganzen USA den Meister. Es gibt zwar immer wieder Kontroversen über die Bewertung, aber es scheint, als ob sich daran nicht viel ändern wird.
Auch die großen Rivalitäten sind über viele Jahre hinweg dieselben geblieben, so zum Beispiel der Kampf zwischen den beiden Militärakademien der Army in West Point und der Navy in Annopolis, der in den zwanziger Jahren über 100 000 Zuschauer in die Stadien brachte und während der dreißiger und vierziger Jahre die sportlichen Akzente im College Football setzte.
Heute bemühen sich vor allem die Universitäten der Südstaaten darum, die College-Meisterschaft zu dominieren.
Entwicklung im Profi-Football
Die Anfänge des Profi-Footballs sind dem sozialen Milieu der Amateur
Athletics Clubs an der Ostküste zuzuschreiben, die um die Jahrhundertwende
in den Städten Sportanlagen mit Klubhäusern, Turnhallen und Schwimmbädern
aufbauten.
Kaum waren die ersten Leistungsvergleiche anberaumt, wurde es ernst, und der
Amateurgedanke rückte rasch in den Hintergrund.
Schon um 1890 besorgte man Spielern, die man für seine Teams engagieren
wollte, Arbeitsplätze und nannte dies 'halbprofessionell'. Dieser 'Semipro-
Football' fand schnell Nachahmer.
Egal ob Kirchen, Unternehmer oder ganze Orte, die sich einen Namen machen wollten
- wer eine Mannschaft aufbaute, warb mit finanziellen Vergünstigungen.
Rekrutiert wurden selbst junge Männer, die noch nie einen Ball gesehen
hatten, Hauptsache sie waren kräftig.
Der Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg sollte das Unternehmen National
Football League hinauszögern. Aber am 20. August 1920 war
es soweit: Männer aus Ohios Industriezentren Akron, Dayton, Cleveland und
Canton gründeten eine Vereinigung. Man stellte Spielpläne auf und
versicherte, darauf zu achten, die Gehälter nicht ins Uferlose wachsen
zu lassen und einander nicht die Spieler abspenstig zu machen.
Es dauerte nur zehn Wochen und zehn Klubs aus Ohio, Indiana, Illinois und dem
Westen des Staates New York schlossen sich an.
Doch Profi-Football hatte es noch schwer.
1927 lösten sich zwölf der 23 Klubs auf. Manche von denen, die weitermachten,
verloren große Summen. Das Problem war, dass die Mannschaften die Begegnungen
noch selbst organisierten. Das Liga- Büro kümmerte sich noch nicht
einmal darum, die Spielergebnisse festzuhalten. Die negative Propaganda aus
dem College-Lager half der NFL auch nicht gerade.
Doch inmitten der größten Schwierigkeiten gab es immer noch Männer
mit Ideen.
1933 modifizierte die NFL die Regeln, stellte die Tore auf die Goal-Linie und
gestattet den Forward Pass von jedem Punkt hinter der Scrimmage-Linie.
1934 richtete die Liga in Chicago das erste All-Star-Spiel aus, in dem alljährlich
der Meister gegen eine Auswahl der Besten aus den anderen Klubs antrat.
1935 installierte die Liga den Draft:
Die besten College-Spieler eines Abschluss-Jahrgangs werden auf die leistungs-schwächsten
Mannschaften verteilt, mit dem Ziel, ausgeglichenere Teams zu erhalten.
Die wachsende Popularität und die Rückkehr vieler ehemaliger College-Cracks
aus dem Zweiten Weltkrieg führte 1946 zur Gründung einer Konkurrenz-Liga,
der All-American Football Conference.
Das Unternehmen krankte jedoch an zweierlei: Mit den Cleveland Browns besaß
es eine Mannschaft, die allen anderen weit überlegen waren, und auf die
Dauer fehlte den Klubs das Geld, um bei den rasch steigenden Gehältern
mitbieten zu können. Die Baltimore Colts, die Cleveland Browns und die
San Francisco 49ers wurden am Ende des Wettstreits in die NFL übernommen,
der Rest verschwand von der Bühne.
Mit den neuen Mannschaften kamen neue Gesichter in die National Football League,
nämlich talentierte schwarze Spieler.
Zu Beginn der siebziger Jahre waren ein Drittel aller NFL-Profis Schwarze. Auch
der spielerische Fortschritt war unverkennbar.
So erlaubten die Regeln ab den fünfziger Jahren statt der anfänglich
nur 20 Spieler, die fast alle im Angriff sowie in der Abwehr eingesetzt wurden,
40 Mannschaftsmitglieder.
Das führte zu strategischem Feinschliff in der Trainerarbeit und zu der
Arbeitsteilung, die man heute kennt.
Für jede Situation gibt es eigene Formationen. Darüber hinaus wurde
das Fernsehen zu einem wichtigen Faktor.
Es schürte eine ohnehin wachsende Begeisterung, insbesondere durch die
Zeitlupenwiederholungen.
Die zwölf Klubs, die, aufgeteilt in eine Western und eine Eastern Conference, den Boom genossen, sollten jedoch nicht lange alleine bleiben, denn 1960 gründete der texanische Millionär Lamar Hunt die American Football League mit acht Mannschaften.
Die neue Liga litt zwar unter mangelndem Interesse, trieb aber im Konkurrenzkampf um die besten College-Spieler die Gehälter nach oben. Begehrte Spieler wurden Mitte der sechziger Jahre mit 600 000 Dollar Jahresgehalt bedacht.
1966 setzte sich aber die Vernunft durch. Die zwei, zusammengenommen mittlerweile auf 26 Klubs angewachsenen Ligen, handelten einen Zusammenschluss aus der 1970 vollzogen wurde.
In der Zeit der Annäherung trafen sich die beiden Meister bereits zu einem
Gigantentreffen zum Abschluss der regulären Saison. Im dritten Jahr bekam
das große Finale seinen heutigen Namen: Super
Bowl.
Er wurde auch nach der Fusion beibehalten, da ziemlich genau entlang der alten
Liga Grenzen die neuen Conferences (American und National) eingerichtet wurden.
Deren Champions tragen seither den Super Bowl aus.
Es ist gewiss nicht leicht, alle Ursachen für das Gedeihen der NFL zu
benennen, zumal in der Liga eines der spannendsten Elemente fehlt. Es gibt keinen
Auf- oder Abstieg.
Die mächtigen Klub-Besitzer, denen die Liga gehört und die sie in
Form eines Kartells verwalten, fanden dennoch einen Weg, in jeder Saison eine
gewisse Dramatik aufzubauen und im Grunde jeder Mannschaft eine realistische
Chance auf den Titelgewinn zu geben. Das liegt zum einen an der College-Draft,
die den Teams mit dem schlechtesten Punktestand des Vorjahres den Zugriff auf
die besten Nachwuchsspieler erlaubt. Zum anderen kümmern sich die Klub-Besitzer
um wirtschaftliche Stabilität und um einen finanziellen Ausgleich zwischen
den Metropolen und denen der kleineren Städte.
So verteilt zum Beispiel die NFL als erste Liga in Amerika die Fernsehmilliarden
an alle Teams gleichmäßig und sorgt dafür, dass die Einnahmen
aus dem Verkauf der Eintrittskarten zwischen Heim- und Auswärtsmannschaften
im Verhältnis 60:40 geteilt werden.
Die Attraktivität der NFL besteht auch darin, dass sie an einem kompakten
Spielplan von 17 Spieltagen festhält, in einer Zeit, in der die anderen
populären Sportarten wie Baseball, Basketball und Eishockey ihre Saison
immer mehr in die Länge ziehen. Die Football-Saison geht von September
bis Januar und die Playoffs dauern
einen Monat.
Bevor man sich an dem Geschehen sattsehen kann, schließt sie ihre Pforten
wieder . Die Folge: fast alle Sitzplätze in den Stadien sind von Dauerkartenbesitzern
belegt, und die Wartelisten sind lang.
American Football verdankt also seinen Stellenwert in der US-Gesellschaft der
Tatsache, dass er in seiner Entstehungsphase zwei unterschiedliche Mentalitäten
begeistern konnte.
Zum einen die 'Kopfarbeiter' an Elite-Universitäten wie Harvard, Yale und
Princeton, und zum anderen die 'Handarbeiter' an den Hochöfen und in den
Bergwerken der Industriestädte in den Bundesstaaten Pennsylvania, Ohio
und New York. Für die Zöglinge reicher Familien wurde Football die
Möglichkeit, mit 'rauhem Sport' und 'männlichen Übungen' ihren
'Körper und damit in einem gewissen Grad ihren Charakter' (MICHENER 1976,
S. 27, eigene Übersetzung) zu bilden, wie US Präsident Theodore Roosevelt
es Anfang des 20. Jahrhunderts formulierte.
Für die Arbeiter in den Bergwerksorten und Stahlstädten, fast allesamt
Einwanderer aus dem Osten Europas, wurde Feierabend-Football zu einem Sinnbild
für das Prinzip der Solidarität und die Härte auf dem Platz zu
einem Ausdruck sozialer Identität.
Diese Zeit ist zwar vorbei, aber Football ist populärer denn je. Heute entdecken sich Millionen von Amerikanern in der Sportart wieder, weil sie nach Regeln funktioniert, die auf erstaunliche Weise die Wertvorstellung von Arbeit und Freizeit widerspiegeln, wie sie in den USA heute existieren. Es gibt Millionen von Amerikanern, die als Kinder Football gespielt haben und die als Erwachsene das Publikum für die Meisterschaftsspiele an den Colleges und in der NFL bilden.
Entwicklung in Deutschland
Ähnlich wie im Basketball wurde American Football in der Bundesrepublik
besonders durch die amerikanischen Soldaten bekannt gemacht.
1977 begannen junge Leute in Frankfurt zum erstenmal Football zu spielen und
gründeten das erste deutsche Footballteam die 'Frankfurter
Löwen'; bereits 1979 wurde der American
Football Bund Deutschland (AFBD) gegründet.
Der Ligabetrieb wurde mit den Frankfurter Löwen, Düsseldorf Panthern,
Munich Cowboys, Ansbach Grizzlys, Bremerhaven Seahawks und Berlin Bears, die
später unter dem Namen Berlin Adler bekannt wurden, gestartet.
Als erstes offizielles American Football Meisterschaftsspiel ging die Begegnung Düsseldorf Panther gegen Frankfurt Löwen am 4.8.1979 in die Analen ein. Vor sage und schreibe 4.400 begeisterten Zuschauern entschieden die Frankfurt Löwen das Match mit 38:0 zu ihren Gunsten.
Der AFBD schloss die Düsseldorf Panther, unter ominösen Umständen, aus ihrem Verband aus. Andere Vereine solidarisierten sich mit den Düsseldorfern und traten daraufhin aus dem AFBD aus. Gemeinsam gründete man Anfang 1980 eine Konkurrenzorganisation mit eigenem Spielbetrieb unter dem Namen American Football Verband (AFV).
AFBD-Champion wurden erneut die Frankfurt Löwen.
Dagegen ging das AFV-Endspiel 1980 gleich in doppelter Hinsicht in die Geschichte
ein. Vor der Rekordkulisse von 8.000 Zuschauern besiegten die Düsseldorf
Panther den haushohen Favoriten Bremerhaven Seahawks mit 15:6.
1981 gewannen die Ansbach Grizzlies das AFBD-Endspiel, während das Endspiel
des AFV für einen erneuten Zuschauerrekord sorgte: 11.000 Zuschauer bejubelten
den 34:18 Sieg der schon immer zugkräftigen Düsseldorf Panther über
die Mannheim Redskins im Gelsenkirchener Parkstadion.
Einen Meilenstein in der Geschichte des American Football in Deutschland stellt sicherlich das erste Spiel einer deutschen Nationalmannschaft dar. Im Sommer 1981 trafen die All-Star-Teams Deutschlands und Italiens im Kölner Südstadion aufeinander. Die Italiener konnten die Entscheidung klar für sich entscheiden.
Die entscheidende Veränderung im Jahr 1982 war jedoch die Auflösung des AFBD-Verbandes. Aufgrund interner Differenzen und mangelnder Liquidität gab der AFBD am 16. Oktober 1982 in Essen seine Auflösung bekannt. Gleichzeitig bekundete der soeben von den Verantwortlichen des AFV aus der Taufe gehobenen American Football Verband Deutschland (AFVD) seine Bereitschaft als Dachverband für alle deutschen Footballvereine das einmal begonnene Werk des Vorgängers nach besten Kräften fortzuführen. Die Entscheidung, einen neuen Versuch zu wagen, fiel, wenngleich nicht einstimmig, so dennoch klar aus. Der Fortbestand des Sports war gesichert, und der bis heute erfolgreichen Arbeit des AFVD stand nichts mehr im Wege.
Um die deutschen Teammitglieder zu stärken, verständigte man sich in diesem Jahr auch darauf, die Zahl der bei einem Spielzug einsetzbaren Amerikaner von den bis dahin zulässigen fünf auf nur noch vier zurückzustufen. 1983 wurde das Limit auf drei heruntergeschraubt. Seit 1986 sind nur noch zwei US-Spieler pro Spielzug erlaubt.
Zuerst bestanden die Mannschaften nur aus erwachsenen Spielern, die sich auch finanziell diese Sportart leisten konnten (eine Ausrüstung kostet ab 600 DM aufwärts). Die Hochburgen des American Football liegen in den Großstädten wie Hamburg, München, Köln, Braunschweig.
Mit der steigenden Popularität der Sportart in Deutschland (das Endspiel, den 'German Bowl' zwischen den Teams der Braunschweig Lions und der Hamburg Blue Devils 1999 sahen mehr als 30 000 Zuschauer live im Volksparkstadion Hamburg), wurden auch immer mehr Jugendliche auf diese Sportart aufmerksam.
Mitte der 80er Jahre entstanden die ersten Jugendmannschaften. Heute besteht der American Football Verband Deutschland aus über 250 Vereinen, die Football für Herren, Damen und Jugendliche sowie Cheerleading anbieten.
Auch die amerikanische Profiliga NFL hat mit ihrem Ableger NFL Europe in Deutschland Fuß gefaßt. Es ist genau genommen eine zweite Auflage. Der erste Versuch mit zehn Klubs wurde nach nur zwei Jahren zwischen 1991 und 1993 wieder eingestellt.
Die NFL, die sich von dem Unternehmen eine Werbung für ihre Sportart und
für die inzwischen überall in Europa erhältlichen Merchandising-Produkten
mit den Logos amerikanischer Teams erhofft hatte, musste zuviel Geld investieren.
1995 wurde dann der zweite Versuch mit der NFL-Europe gestartet.
Abgeschafft wurden die sieben amerikanischen Klubs, die im Mutterland dem direkten
Vergleich mit den Profi-Klubs der NFL und den besten College-Teams ausgeliefert
waren und vor leeren Rängen spielten. Es wurden sechs Teams in europäischen
Großstädten zusammengestellt. In Deutschland sind seit der Saison
1999 drei Mannschaften vertreten: Frankfurt Galaxy, Düsseldorf Rhein Fire
und Berlin Thunder.
Auch die in Deutschland noch nicht so bekannte Variante des American Football, das Flag Football, entwickelt sich beständig. In den Vereinen werden die Jugendspieler mit Flagfootball an den Sport herangeführt.
Mit Ausrüstung darf in Deutschland erst ab dem fünfzehnten Lebensjahr gespielt werden. Es haben sich mancherorts auch Senior Flag Football Mannschaften gegründet, die aus ehemaligen Footballspielern oder, wie in Braunschweig, aus Eltern aktiver Jugendspieler bestehen, die es leid waren, nur zuschauen zu können.
Seit dem Jahr 1999 besteht die Senior Flag-Liga, die die deutsche Meisterschaft
ausrichten. Es gibt inzwischen offizielle Flag Football-Regeln, nach denen gespielt
wird und eine offizielle Deutsche Nationalmannschaft tritt im März 2000
bei den Weltmeisterschaften im Flag Football in Mexiko an.
Ebenso versucht die NFL Europe mit dem sogenannten 'Grass-Roots'-Programm American
Football und Cheerleading in Deutschlands Schulsportprogramm zu integrieren.
Auszüge aus der Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung "Thema:
American Football an der Hauptschule Möglichkeiten und Grenzen" von Norbert
Schneider